Ich zerschneide die Geschichte

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Julia Cimafiejeva
Ich zerschneide die Geschichte
Lyrik und Collagen

13 x 19 cm, 80 Seiten, 31 Abbildungen,
gebunden, Fadenheftung, Leseband,
Zweisprachig: Deutsch, Belarussisch
ISBN 978-3-911192-07-1

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Beschreibung

Julia Cimafiejeva
Ich zerschneide die Geschichte
Lyrik und Collagen

Übersetzt von Tina Wünschmann

Was bleibt, wenn ein Leben aus der vertrauten Ordnung gerissen wird? Die belarussische Lyrikerin und Übersetzerin Julia Cimafiejeva verließ 2020 ihr Heimatland aus politischen Gründen. In Hamburg begann sie 2024, Papiercollagen zu gestalten; aus Spiel wurde Ernst, aus Schnitten wurden Metaphern. Denn Exil bedeutet, von der Schere der Geschichte ausgeschnitten zu werden. Die Collagen, montiert aus alten Büchern und Magazinen, fügen in absurden Kompositionen eine neue Welt zusammen. Begleitet werden sie von kurzen Gedichten, die keine Erklärungen liefern, sondern Hinweise – poetische Andeutungen einer zerschnittenen Identität auf der Suche nach einem neuen Sinn.
Ein persönliches und künstlerisch spannendes Werk über Verbannung, Verlust und das fragile Zusammensetzen der eigenen Geschichte.

Julia Cimafiejeva, geboren 1982, ist eine belarussische Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie hat fünf Gedichtbände in belarussischer Sprache veröffentlicht, deren Gedichte auch als eigenständige Bücher in den USA, Deutschland und Polen erschienen sind. Zudem sind ihre Werke in verschiedenen belarussischen und internationalen Projekten, Anthologien und Zeitschriften vertreten. Ihr englischsprachiges Dokumentarbuch Minsk Diary wurde in sechs Sprachen übersetzt. Für das Projekt «While History Writes Itself» am Maxim Gorki Theater schrieb sie ihr Debütstück Extremists, das in Deutschland und Polen aufgeführt wurde. Als Übersetzerin hat Cimafiejeva Gedichte unter anderem von Walt Whitman, Stephen Crane und Enheduanna ins Belarussische übertragen. Außerdem übersetzte sie Kinderbücher von Maja Lunde und Stian Hole. Für ihre Übersetzung eines Gedichtbands von Stephen Crane wurde sie mit dem Carlos Sherman Translation Prize ausgezeichnet. Seit 2020 lebt Cimafiejeva im Exil in Europa. Im Jahr 2025 wurde sie Stipendiatin des daad (Berliner Künstlerprogramm).

Tina Wünschmann, geboren 1980, studierte Slavistik, Politik- und Kommunikationswissenschaft in Dresden, Krakau und Minsk. Nach Tätigkeiten im Bereich Jugend- und Kulturaustausch, Bildung und Projektmanagement übersetzt sie heute hauptberuflich Lyrik und Prosa, aber auch journalistische Texte aus dem Belarussischen, Russischen und Polnischen. Sie lebt in Kesselsdorf bei Dresden.

 

PRESSESTIMMEN

[…] Das Thema Zerrissenheit ist in Julia Cimafiejevas 2025 erschienenem Collagenband „Ich zerschneide die Geschichte“ omnipräsent. So „lugt“ das lyrische Ich in einem Gedicht „durch den spalt der neuen erfahrung auf die fremden landschaften ringsum“, allerdings nur „mit einem auge“, denn „das andere auge ruht geschlossen / in vergangenheit und heimat“, die unerreichbar sind. In einem anderen Gedicht fragt das lyrische Ich nach der „anleitung“ für den „emigrantenbaukasten“, aus dem es sich – anders als die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft – „jeden tag neu zusammensetzen muss“. Dass aus Zerrissenem auch etwas Neues entstehen kann, zeigt Cimafiejeva indes eindrücklich in ihren absurden Collagen, die die Gedichte illustrieren. Die aus Fragmenten unterschiedlicher Herkunft geschaffenen Papierkunstwerke haben damit etwas Tröstliches, was sie mit der Poesie verbindet.[…]
ZOiS Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien
Nina Frieß, ZOiS Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien, 19. November 2025

Die Belarusin Julia Cimafiejeva lebt seit fünf Jahren im Exil. Mit ihren surrealistisch anmutenden Bildcollagen hat die Lyrikerin eine neue künstlerische Ausdrucksform gefunden. Jedes Bild hat sie wiederum zu einem Gedicht inspiriert. […]
Die Collagen […] erinnern spontan an die surrealen Bilder von Salvador Dali oder René Magritte. Die Lyrikerin erwähnt in ihrem Vorwort jedoch die Dadaistin Hannah Höch, eine der Vorreiterinnen der Collage bzw. Fotomontage, und zitiert diese mit den Worten: „Mit meinen Collagen gebe ich gerne Rätsel auf, die man nicht korrekt lösen kann. Ich stelle gerne Fragen, auf die es nicht die eine Antwort gibt.“
Cimafiejeva stellt sich in diese Tradition. Als ihr unruhiges Exilantenleben sie 2024 nach Hamburg geführt hatte, suchte sie in Antiquariaten, auf Flohmärkten und Müllhaufen nach Material. Manchmal habe sie auch Fetzen von alten Plakaten abgerissen, schreibt sie. „Reißen“ ist für sie überhaupt ein wichtiges Verb – sie reiße Bilder aus ihrem Kontext sowie sie selbst aus ihrem „Alltag gerissen und auf eine neue Seite geklebt wurde“. […]
Mit ihren Collagen findet Cimafiejeva einen neuen Ausdruck für die Heimatlosigkeit, für die Sehnsucht nach Belarus, für die permanente Unruhe, für die Zerrissenheit. „Wie bewahrt man Würde und Selbstachtung, wenn man nichts ändern kann und von Klagen genug hat?“, fragt sie und antwortet: „Mit Lachen – und wenn es über sich selbst ist“.
Humor, Ironie, Lakonie stecken in all ihren Collagen. Da streckt ein Vogelkopf seinen Schnabel in die Höhe und sitzt auf einem Körper, der zwei Männer beim Schachspielen zeigt – der eine Arm erinnert an den Fetzen einer Kinokarte, der andere an einen Flügel. Dieses Wesen läuft auf nackten Beinen rückwärts Rollschuh. Auch diese Bildkomposition hat die Cimafiejeva zu einem Gedicht inspiriert: „Sei du selbst / das sagt sich leicht wenn man sich / nicht jeden Tag neu zusammensetzen muss / aus dem Emigrantenbaukasten / wozu so viele teile / wo ist die Anleitung.“ […]
Die Gedichte hat Tina Wünschmann mit großer Sensibilität übersetzt. Jedem Bild mit Gedicht auf Deutsch und auf auf Belarussisch ist eine Doppelseite gewidmet in diesem liebevoll gestalteten Band.
Sie sei keine „professionelle Künstlerin“ schreibt Julia Cimfiejeva. Wer ihre fein gearbeiteten, abgründigen Collagen betrachtet, wird das kaum glauben wollen. „Ich zerschneide die Geschichte“ gibt einen tiefen, aufrüttelnden Einblick in die Seele einer fantastischen Künstlerin und deren Leben im Exil.
Lesart im Deutschlandfunk
Stephanie von Oppen, Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 14. November 2025